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Wie engagierte Bürger das Emsland voranbringen

Bürgerbeteiligung, Forschung, Innenpolitik

Das Emsland ist entlegen und dünn besiedelt. Trotzdem kann es sich dem allgemeinen Trend ländlicher Räume aus Abwanderung und Schrumpfung entziehen. Das Erfolgsrezept der Emsländer: Sie haben es geschafft, die für das Land einst typischen subsidiären Strukturen zu erhalten, in denen die Menschen den Herausforderungen vor Ort begegnen und so das Gefühl einer lokalen Verantwortungsgemeinschaft schaffen.

Ländlich peripher, aber mit starker Zuwanderung, niedriger Arbeitslosigkeit und einem vitalen Arbeitsmarkt – so präsentiert sich das an der holländischen Grenze gelegene Emsland. Die Region im Westen Niedersachsens koppelt sich damit ab von der üblichen Entwicklung vieler ländlicher Gebiete Europas. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat sich in einer neuen Studie auf die Suche nach den Gründen für diese Erfolgsgeschichte gemacht. Eine wesentliche Erklärung dafür liefern die Emsländer selbst, die sich auf besondere Weise für ihre Region stark machen, und das seit vielen Jahrzehnten.

„In der heutigen Zeit, in der viele ländliche Regionen mit Problemen zu kämpfen haben, erweist sich das subsidiäre Erbe im Emsland als Glücksfall“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Im Kern der emsländischen Dorfgemeinschaften engagieren sich die Menschen für verschiedene Lebensbereiche, schaffen Freizeit- und Versorgungsangebote für alle Altersgruppen und tragen so zu einer hohen Lebensqualität auf dem Land bei.

Die Menschen sind über ihre privaten Beziehungen sowie über ihr vielfältiges Engagement in Politik, Kirche oder Vereinen gut miteinander vernetzt. Kommunale Institutionen bieten die nötigen Strukturen für die Projekte der Freiwilligen. „Gerade dieses Wechsel- und Zusammenspiel zwischen Dorfgemeinschaft und lokalen Institutionen stärkt die Dörfer“, so Reiner Klingholz.

Regionale Akteure wie Verbände, Kirchen oder der Landkreis gestalten die Rahmenbedingungen für das lokale Engagement. Sie sind Ansprechpartner bei finanziellen oder rechtlichen Fragen und unterstützen die Ortsgruppen bei der Vereinsentwicklung. „Die Aktiven im Emsland erhalten die nötige professionelle Unterstützung“, sagt Klingholz „ein entscheidender Erfolgsfaktor, der andernorts häufig fehlt.“

Doch diese klassischen ländlichen Strukturen funktionieren nicht in alle Ewigkeit, denn der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Emsland nicht halt: Auch hier wachsen weniger Kinder nach, der Anteil der Älteren, die auf Unterstützung angewiesen sind, nimmt zu und die Bevölkerung wird durch Zuzug von außerhalb bunter. Die Menschen sind beruflich stärker eingebunden, arbeiten nicht mehr in dem Dorf, in dem sie leben, und haben deshalb weniger Zeit, sich in der Nachbarschaft zu engagieren. Der Nachwuchs für das Ehrenamt dünnt aus und die Aufgaben werden vielfältiger.

Die Studie hat deshalb auch analysiert, wie sich das Emsland auf diese neuen Herausforderungen vorbereitet. „Neue Formen des Engagements können auch Menschen erreichen, die bislang wenig in den etablierten Strukturen organisiert waren“, sagt Theresa Damm, eine der Autoren der Studie. „Die Zusammenarbeit von Vereinen und Initiativen lässt sich verbessern und die Kommunen und der Landkreis können bei der Organisation helfen. Damit ist es bislang gelungen, die Lücken im Engagement zu schließen.“

Im Emsland sind viele soziale Projekte aus den Kirchen heraus entstanden. Doch weil die Bindung zur Kirche auch hier zurückgeht, kann diese ihre Rolle als Treiber sozialen Engagements verlieren. „Damit sie auch künftig die Menschen vor Ort erreicht, sollte sie sich noch stärker öffnen und mit anderen, säkularen Akteuren kooperieren“, so Theresa Damm. „Die Kirche hat jedoch verstanden, wie wichtig es ist, die Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit Bürgern und Kommune auf ein Ziel hinzuarbeiten.“

Die Studie wurde gefördert vom Bistum Osnabrück und vom Caritasverband für die Diözese Osnabrück e.V.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt. Das Institut wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat die Aufgabe, das Bewusstsein für den demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten.