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VKU-Chef Ingbert Liebing über die Zukunft der Gasnetze

Allgemein

Auf dem Weg zur Klimaneutralität ist eine Transformation der Gasnetze unverzichtbar. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing über den Weg hin zu einer klimaneutralen Gasversorgung. Der Klimawandel erfordert viele Anpassungen. Mit dem neuen Klimaschutzgesetz will die Bundesregierung die CO2-Emissionen bis 2030 um 65%, bis 2040 um 88% senken und 2045 endgültig klimaneutral werden. Der Plan der EU, das […]

Auf dem Weg zur Klimaneutralität ist eine Transformation der Gasnetze unverzichtbar. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing über den Weg hin zu einer klimaneutralen Gasversorgung.

Ingbert Liebing
Ingbert Liebing (c) VKU

Der Klimawandel erfordert viele Anpassungen. Mit dem neuen Klimaschutzgesetz will die Bundesregierung die CO2-Emissionen bis 2030 um 65%, bis 2040 um 88% senken und 2045 endgültig klimaneutral werden. Der Plan der EU, das „Fit-for-55“-Programm, ist ähnlich ehrgeizig: Bis 2030 sollen in der ganzen EU die Treibhausgasemissionen um mindestens 55% gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden. Dementsprechend gilt es zügig zu handeln.

Eine wichtige Rolle bei der Abkehr von schädlichen Treibhausgasen spielen dabei die Gase, die wir aktuell nutzen. Im Jahr 2020 deckte Erdgas 25% des Primärenergieverbrauchs in Deutschland ab. In einem klimaneutralen Deutschland fällt diese Energiequelle größtenteils weg, der Bedarf an Energie bleibt jedoch. Um den Bedarf vor allem im Wärmebereich weiterhin zu decken, ist das Heizen mit Wasserstoff eine vielversprechende Lösung.

Versorgungssicherheit und Versorgungszuverlässigkeit

Der VKU setzt sich daher für eine Umrüstung der bestehenden (Erd-)Gasnetze auf Wasserstoff ein. Die bestehende Gasinfrastruktur bietet schon heute beste Voraussetzungen, CO2-freie und CO2-neutrale – kurz klimaneutrale – Gase wie Wasserstoff, synthetisches Erdgas und Biomethan über ein äußerst leistungsfähiges, sicheres und effizientes Transport- und Verteilungssystem zu leiten. Versorgungssicherheit und Versorgungszuverlässigkeit bleiben somit auch zukünftig erhalten. Es ist daher wirtschaftlich effizienter, die bestehenden Netze auf die Durchströmung mit Wasserstoff umzurüsten, anstatt eine neue, parallele Infrastruktur aufzubauen.

Beimischung von 20% Wasserstoff

Damit das erste Einsparungsziel von 65% im Jahr 2030 erreicht werden kann, muss die Transformation sobald wie möglich stattfinden. Denn auch wenn wir zukünftig im Neubau oder im sanierten Bestand verstärkt Wärmepumpen einsetzen und dort wo möglich die Kunden an Nah- und Fernwärmenetze anschließen, so bleibt doch ein relevanter Anteil von Haushalten, der auch zukünftig auf eine Versorgung mit dann zunehmend dekarbonisierten Gasen angewiesen sein wird. Der VKU schlägt daher für einen schnellen Start eine Beimischung von 20% Wasserstoff in das derzeitige Gasnetz vor. Dies erfordert Anpassungen des Energiewirtschaftsrechts, des Regulierungsrahmens, des technischen Regelwerks sowie Anpassungen in Elementen der Infrastruktur und der Gasgeräte in der Haustechnik. Diese müssen im Einklang zeitnah, gründlich und unter Berücksichtigung kommunalwirtschaftlicher Interessen erfolgen. Mit der Zeit soll der Wasserstoffanteil bzw. der Anteil von anderen dekarboniserten Gasen wie Biomethan oder „synthetic natural gas“ SNG in den Gasnetzen sukzessive steigen, bis der Anteil ab ca. 2040 bei 100% liegt.

Ertüchtigung der Gasinfrastruktur kostet Geld

Die Kosten für die Weiterentwicklung der Infrastruktur benötigen Unterstützung durch den Bund. Er sollte eine Aufbaufinanzierung aus der CO2-Bepreisung des Brennstoffemissionshandelsgesetzes (BEHG) übernehmen, die im Wärmemarkt erhoben wird. Diese wird dann für Investitionen in wasserstoffrelevante Anlagen und Netze genutzt. Darüber hinaus werden die Kosten gemeinsam von den Wasserstoff- und Erdgaskunden getragen. Eine breite Kostenträgerschaft löst positive Effekte auf Investitionsanreize aus und unterstützt den Markthochkauf von Wasserstoff. Da es um die Transformation der Gas- zur Wasserstoffwirtschaft geht, ist eine gemeinsame Finanzierung innerhalb dieses Systems die logische Folge. Dafür muss in der kommenden Legislaturperiode des Deutschen Bundestages der Rahmen gesetzt werden. Netzbetreiber benötigen Investitionsanreize und Planungssicherheit, um die Transformation der bestehenden Gasnetze sicherstellen zu können und um Stranded Investments zu vermeiden.

Wie bei jedem großen Infrastrukturprojekt müssen aber auch die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigt werden: Jede Kommune hat einen anderen Bedarf, andere Zulieferer und eine andere Infrastruktur. Daher müssen in den verschiedenen Netzabschnitten auch verschiedene klimaneutrale Gase zum Einsatz kommen, um den spezifischen Bedarf der Kommunen möglichst zielgerichtet abbilden zu können.

VKU-Stadtwerkekongress am 7. und 8. September in Dortmund

Die Transformation der Gasnetze wird auch ein großes Thema beim nächsten VKU-Stadtwerkekongress am 7. und 8. September in Dortmund sein. Bei der Vor-Ort-Veranstaltung in der Westfalenhalle wird es mehrere Podiumsdiskussionen und Workshops zu den Themen Gasnetze, Dekarbonisierung, Wasserstoff und natürlich allen anderen Themen, die für die Stadtwerke und kommunalen Energieversorger gerade aktuell sind.  Das Programm wartet mit hochkarätigen Rednerinnen und Rednern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der Start-Up-Szene auf.

Die Bundestagswahl Ende September bietet die Chance, dass die nächste Regierung den Wasserstoff noch ernster nimmt und die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft, damit die Stadtwerke ihren Beitrag in Richtung Klimaneutralität leisten können. Der Umstieg von Erdgas auf H2 ist wesentlich für das Gelingen der Wärmewende, ohne die wir wiederum nicht die Klimaziele erreichen können. Doch wir müssen zügig handeln: Jede Tonne CO2 zählt.

Weitere Informationen rund um das Thema Wasserstoff finden Interessierte auf der VKU-Internetseite unter Wasserstoff | Zukunftsthemen | Unsere Themen | Verband kommunaler Unternehmen e.V. (vku.de).