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Elterliche Schulwahl verschärft Trennung von Kindern nach Herkunft

Soziales

In vielen Großstädten Deutschlands ist eine Trennung der Schülerschaft nach Merkmalen wie sozialer Schicht oder Migrationshintergrund bereits an Grundschulen festzustellen. Dies ist nur zum Teil durch die Bevölkerungsstruktur der Schuleinzugsbereiche zu erklären. Die Segregation wird vielmehr durch die elterliche Schulwahl verschärft. Dies zeigt eine neue Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Danach haben 21,3 Prozent der Grundschulen einen Zuwandereranteil, der mehr als doppelt so hoch ist wie der Anteil unter den 6- bis 12-Jährigen im dazugehörigen Schulbezirk. „Das zeigt, dass Segregation durch die elterliche Schulwahl verschärft wird“, sagte Dr. Gunilla Fincke, Direktorin des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat. „Gerade Eltern der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind, verschlechtern dadurch aber ungewollt die Bedingungen für die verbleibenden Kinder vor allem mit Migrationshintergrund. Da die tatsächliche Qualität einer Schule häufig nicht in Erfahrung gebracht werden kann, nehmen viele Eltern den Zuwandereranteil als Indiz für das Lernumfeld und das Leistungsniveau“.

Dies bestätigt auch die Auswertung von mehr als 900.000 Zugriffen auf Online-Schulportraits in Berlin und Sachsen, wonach der Zuwandereranteil die am häufigsten nachgefragte Information ist. Schulen mit hohem Zuwandereranteil werden oft gemieden, da die meisten Eltern diese mit mangelhaften Lernmöglichkeiten und einem problembelasteten Umfeld assoziieren. Nationale und internationale Schulleistungstests, die das schlechte Abschneiden von Kindern mit Migrationshintergrund nachweisen, tragen zur Verfestigung dieses Meinungsbildes bei. Dabei belegen zahlreiche Studien übereinstimmend, dass die elterliche Zurückhaltung gegenüber segregierten Schulen nicht immer begründet ist: Gemeinsames Lernen leistungsschwacher und leistungsstarker Schüler ist für letztere kein Nachteil. „Eltern sollten keine Pauschalurteile über Schulen mit einem hohen Anteil von Zuwandererkindern fällen. Entscheidend sind die konkreten Lernbedingungen an einer Schule“, sagte Fincke. So komme die individuelle Förderung, die in leistungsheterogenen Klassen häufig praktiziert werde, auch den leistungsstarken Schülern zu Gute. Der Sachverständigenrat plädiert daher für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Bildungserfolg.

In Großstädten sorgen rund zehn Prozent der Eltern mit Erfolg dafür, dass ihre Kinder auf die bevorzugte Grundschule wechseln können. Allerdings sei auch klar, dass sich die negativen Leistungseffekte schulischer Segregation nicht durch eine erzwungene Mischung der Schülerschaft beseitigen lassen.

Die Studie empfiehlt viemehr eine gezielte Verbesserung von Lernmöglichkeiten an segregierten Schulen. Der SVR-Forschungsbereich empfiehlt drei Maßnahmen, die von den Schulen selbst in die Wege geleitet werden können:

  • Kooperative Elternarbeit, um Eltern zur aktiven Unterstützung der Schullaufbahn ihrer Kinder zu befähigen;
  • Vernetzung zwischen Schulen sowie mit externen Partnern wie Vereinen und Kultureinrichtungen, um die Schule auch für bildungsnahe Eltern attraktiver zu machen;
  • koordinierte und zielgerichtete Lehrerfortbildung für das gesamte Kollegium, z.B. bei der durchgängigen Sprachbildung oder der individuellen Förderung.

Darüber hinaus bedarf es struktureller Maßnahmen, die in die Zuständigkeit der Bundesländer fallen. Ein Beispiel hierfür ist eine gezielte Unterstützung der Schulen auf Basis von Sozialindizes, die den Förderbedarf einzelner Schulen anhand verschiedener Indikatoren der Schule und ihres sozialen Umfelds (z.B. Arbeitslosenquote) ermitteln. Diese und andere Maßnahmen werden zurzeit in Deutschland untersucht. Die aktuelle Studie kann hier heruntergeladen werden.